Geschichte der IPV

ENTSTEHUNG UND ENTWICKLUNG DER IPV 

 

Nicht ohne Nostalgie gedachte Freud des öfteren der zehnjährigen „splendid isolation“, in der er die Psychoanalyse entwickelt hatte. Er datierte den Beginn dieser Phase zweifellos auf das Jahr 1894, in dem die Kooperation mit Breuer endete und er seine Arbeit allein, ohne Kollegen, mit denen er darüber hätte diskutieren können, fortsetzte. Doch seit der Publikation seiner Briefe an Fließ wissen wir, daß die beiden eine sehr lebhafte Korrespondenz unterhielten und Fließ dem Freund gewissermaßen als Resonanzboden für seine Ideen und Überlegungen diente; darüber hinaus wissen wir, dass etliche dieser Ideen durch Fließ’ eigene Theorien angeregt wurden. Doch die beiden Männer korrespondierten nicht nur, sondern trafen auch häufig zusammen, um ihre „Kongresse“, wie Freud es scherzhaft nannte, abzuhalten. Dieses Wort sollte sich als Omen erweisen. Insoweit arbeitete Freud, auch wenn er in Wien tatsächlich keine Mitarbeiter hatte – Fließ lebte in Berlin –, nicht in völliger Isolation.

 

1902 lud Freud, wahrscheinlich auf Initiative von Stekel, der bei ihm in Behandlung gewesen war, vier Männer (Stekel, Adler, Kahane und Reitler) ein, um seine Arbeit mit ihnen zu diskutieren. Gemeinsam bildeten sie die so genannte „Psychologische Mittwoch-Gesellschaft“, weil sie sich regelmäßig an diesem Wochentag trafen. Nachdem die Gesellschaft 1908 auf 14 Mitglieder angewachsen war, wurde sie in „Wiener Psychoanalytische Vereinigung“ umbenannt. Im selben Jahr trat auch Ferenczi ein. Außer den Mitgliedern nahmen an den Treffen etliche Gäste teil, die fürderhin eine wichtige Rolle in der Psychoanalyse spielen sollten, unter anderem Eitingon, Jung, Abraham und Jones – jeder von ihnen bekleidete später das Amt des IPV-Präsidenten.

 

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FILM WITH HISTORICAL SCENES, ORAL HISTORY INTERVIEWS AND COMMENTS

created for the IPA in 2010 by Lee Jaffe, produced by Nadine Levinson and moderated by Leo Rangell. Full screen option available by clicking on the symbol. To see the film click please on the arrow in the middle of the screen. If you want to save the film on your computer: Download the IPA Film (123Mb)

 


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Im Jahr 1907 reiste Jones nach Zürich, um Jung zu besuchen. Er hatte Freud bislang nicht persönlich kennengelernt, war aber mit seinen Schriften gründlich vertraut und wandte die psychoanalytische Technik seit 1906 in seiner Londoner Praxis auch selbst an. Nun schlug er Jung vor, eine internationale Tagung zu organisieren, um die Kollegen aus den verschiedenen Ländern zu versammeln und sich über das gemeinsame Interesse an der Psychoanalyse auszutauschen. Somit kann man zu Recht sagen, dass Jones derjenige war, der die Idee, aus der schließlich die IPV hervorgehen sollte, aufbrachte. Freud begrüßte den Vorschlag und wählte Salzburg als geeigneten Ort für die geplante Tagung aus. Jones plädierte für die Bezeichnung „Internationaler Psychoanalytischer Kongress“, doch Jung setzte auf die von ihm versandten Einladungen den Titel „Zusammenkunft für Freudsche Psychologie“. Gleichwohl gilt diese noch sehr informelle Tagung heute als erster Internationaler Psychoanalytischer Kongress, auch wenn die Internationale Vereinigung zu diesem Zeitpunkt noch nicht existierte.

 

Im Rahmen dieser Salzburger Veranstaltung wurde am 27. April 1908 die Gründung einer Internationalen Vereinigung diskutiert und beschlossen. Von dieser denkwürdigen Entscheidung abgesehen, war das bedeutsamste Kongressereignis Freuds Präsentation seiner Behandlung des „Rattenmanns“. Der Fall weckte solch großes Interesse, dass Freud sich überreden ließ, mehr als vier Stunden lang darüber zu berichten. Auf dem nächsten Kongress, der im März 1910 in Nürnberg stattfand, wurde die Internationale Psychoanalytische Vereinigung gegründet. Freud und Ferenczi hatten sich erst kurz vor dem Salzburger Kongress persönlich kennengelernt, doch ihre Freundschaft vertiefte sich sehr rasch, und Freud bat den Kollegen, über Möglichkeiten eines engeren Zusammenschlusses von Analytikern nachzudenken. In Nürnberg präsentierte Ferenczi seine Vorschläge. Mit Nachdruck trat er dafür ein, Jung das Amt des Präsidenten der neuen Vereinigung zu übertragen und Zürich zu ihrem offiziellen Zentrum zu bestimmen. Aus mehreren Gründen befürwortete auch Freud diese beiden Vorschläge. Erstens hatte er eine sehr hohe Meinung von Jung. Er betrachtete ihn seit mindestens einem Jahr als seinen geistigen Erben, bei dem er die Zukunft der Psychoanalyse in vertrauenswürdigen Händen zu wissen glaubte. Darüber hinaus hielt er es für außerordentlich wichtig, dass die Psychoanalyse in der Öffentlichkeit nicht länger mit Wien identifiziert und als spezifisch jüdische Erscheinung betrachtet wurde. Und so schien Jung als nicht-jüdischer Schweizer Bürger aufs Beste geeignet, die Führungsrolle anzutreten. Folgerichtig wurde er zum ersten Präsidenten der IPV gewählt; in Zürich als seinem Wohnort wurde das zentrale Büro eingerichtet.

 

In den kommenden Jahren wurden die Geschäfte der IPV von Jung geführt, dem Riklin als Sekretär zur Seite stand. Im Juni 1911 trat Adler zusammen mit mehreren anderen Mitgliedern aus der Wiener Vereinigung aus und gründete seine eigene Organisation für Individualpsychologie. Die Leitung des Zentralblatts lag fortan bei Stekel. Freud war mit dieser Lösung nicht zufrieden, und schließlich verließ auch Stekel im Oktober 1912 die Wiener Vereinigung.

 

Mittlerweile hatte in Weimar im September 1911 der dritte Kongress getagt. Zu diesem Zeitpunkt waren laut Geschäftsbericht 106 IPV-Mitglieder registriert. Der Kongress erkannte die beiden neugegründeten amerikanischen Gesellschaften – die New York Psychoanalytic Society sowie die American Psychoanalytic Association – an. Das Zentralblatt wurde zum offiziellen Publikationsorgan der IPV; an seine Stelle trat allerdings schon bald die von Freud im Januar 1913 gegründete Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse, redigiert von Ferenczi, Jones und Rank. Die Zeitschrift wurde bis 1941 publiziert. 1912 war außerdem die Zeitschrift Imago gegründet worden, deren Schwerpunkt auf der angewandten Psychoanalyse lag. Jung wurde in Weimar als Präsident wiedergewählt, München zum Veranstaltungsort des nächsten, für 1913 geplanten Kongresses bestimmt.

 

In der Zeit zwischen den beiden Kongressen führten gravierende Differenzen wissenschaftlicher wie auch persönlicher Natur zu einer Verschlechterung der Beziehung zwischen Freud und Jung. Anfang 1913 beendeten sie ihre persönliche Beziehung in gegenseitigem Einverständnis. Gleichwohl blieb Jung weiterhin Präsident der IPV und leitete als solcher im September 1913 auch den Münchener Kongress. Die Unzufriedenheit war groß; Abraham schlug vor, dass sich die Mitglieder, die mit Jung nicht einverstanden waren, bei seiner Wiederwahl der Stimme enthalten sollten; diesem Vorschlag folgten 22 von 52 Abstimmungsberechtigten. Im Anschluss an seine Wiederwahl erkannte Jung die Unhaltbarkeit seiner Position jedoch schon bald an. Im April 1914 verzichtete er auf das Präsidentenamt, und im Juli desselben Jahres erklärte die Züricher Gesellschaft ihren Austritt aus der IPV. Die letzte Verbindung zwischen Jung und der Psychoanalyse war damit durchtrennt.

 

Freud schlug vor, dass Abraham die IPV als Interimspräsident bis zum nächsten, auf September 1914 angesetzten Kongress führen sollte. Doch im August begann der Erste Weltkrieg, die Veranstaltung wurde abgesagt, und der nächste Kongress fand erst im September 1918, diesmal in Budapest, statt. Nahezu sämtliche Teilnehmer stammten aus Österreich oder Ungarn, lediglich drei kamen aus Deutschland, zwei aus Holland und einer aus Polen, so dass von einer „internationalen“ Veranstaltung im eigentlichen Sinn schwerlich die Rede sein konnte. Ferenczi wurde zum Präsidenten gewählt, hielt es jedoch aufgrund der chaotischen Situation, die nach dem verlorenen Krieg in Ungarn und Österreich herrschte, für unmöglich, seine Funktionen auszuüben; deshalb bat er Jones, das Amt vorläufig zu übernehmen, und dieser willigte ein.

 

Der Erste Weltkrieg brachte, was die Aktivitäten der IPV betrifft, eine Zäsur. Die Vereinigung war mit dem Ziel gegründet worden, eine Verbindung zwischen den Psychoanalytikern unterschiedlicher Nationen zu schaffen. Erreicht werden sollte dies durch die Organisation internationaler Kongresse zur Förderung des wissenschaftlichen Austauschs, durch die Publikation eines Bulletins, das über die Aktivitäten in den einzelnen Gesellschaften informierte, sowie durch die Gründung wissenschaftlicher Zeitschriften, aus denen sich letztlich zwei herauskristallisierten, nämlich die Internationale Zeitschrift und Imago.

Nachdem Adler und Stekel offiziell ausgetreten waren und sich deutlich abzeichnete, dass Jung denselben Weg einschlagen würde, organisierte Jones 1912 ein „geheimes Komitee“. Es bestand aus Kollegen, an deren unverbrüchlicher Treue zu Freud und den Grundsätzen der Psychoanalyse er keinerlei Zweifel hatte, nämlich Ferenczi, Rank, Sachs und Abrahm. Jones selbst führte den Vorsitz. Eitingon wurde 1919 aufgenommen. Jedes Mitglied des Komitees gelobte, Abweichungen von den fundamentalen Grundsätzen der Psychoanalyse nicht öffentlich bekannt zu geben, ohne seine Ansichten vorher im Komitee zu diskutieren. Damit waren gewisse Sicherheitsmaßnahmen gewährleistet, und zwar in einer wesentlich akzeptableren Form, als Ferenczi sie auf dem Nürnberger Kongress empfohlen hatte; verantwortlich für ihre Einhaltung war allein die durch das Komitee repräsentierte „alte Garde“ und nicht der IPV-Präsident. Da dieser Schritt auf Jung zielte, dessen Abweichung von der Psychoanalyse 1912 bereits absehbar war, tat sich zwischen dem geheimen Komitee und den offiziellen, von Jung geleiteten Aktivitäten der IPV eine unverkennbare Kluft auf. Jones berichtet uns, dass das Komitee zehn Jahre lang zufriedenstellend arbeitete. Es war nicht allein aufgrund der Maßnahmen wichtig, die es in diesem Zeitraum zur Förderung der Einheit ergriff, sondern vermutlich auch deshalb, weil es in der IPV eine Tradition etablierte, die man als Oligarchie (oder sollte man sagen: Meritokratie?) bezeichnen könnte.

 

In den 1920er Jahren entwickelten sich im Laufe mehrerer Jahre gravierende Differenzen zwischen Rank und den übrigen Mitgliedern des Komitees. Er trat schließlich aus, und Anna Freud nahm ab 1925 seinen Platz ein. 1927 aber löste sich das Komitee endgültig auf.

Nach dem Krieg fand 1920 ein Kongress in Den Haag statt. Im Gegensatz zum Budapester Kongress von 1918 konnte man diesmal wirklich von einer internationalen Veranstaltung sprechen. 62 Kollegen, die der Krieg voneinander getrennt hatte, trafen zusammen. Die britische und die Schweizer Gesellschaft wurden offiziell in die IPV aufgenommen; Jones wurde zu ihrem Präsidenten gewählt.

 

Der Internationale Psychoanalytische Verlag war im Januar 1919 von Freud als unabhängiges Verlagshaus für die Publikation psychoanalytischer Schriften gegründet worden. Anton von Freund aus Budapest hatte eine beträchtliche Geldsumme zugesichert. Nach seinem Tod im Januar 1920 tauchten jedoch unüberwindbare Schwierigkeiten auf, und das Geld wurde nie verfügbar. Rank arbeitete extrem hart für den Verlag, und auch Jones war, vor allem im Zusammenhang mit Publikationen in England, überaus aktiv. Er gründete schließlich die International Psycho-Analytical Library Series sowie das International Journal of Psycho-Analysis, dessen erstes Heft 1920 erschien.

 

Auf dem siebten Kongress 1922 in Berlin wurde vereinbart, künftig alle zwei Jahre IPV-Kongresse abzuhalten. Jones wurde zum Präsidenten wiedergewählt, Abraham wurde Sekretär – ein Bruch mit der Gepflogenheit, dass der Sekretär derselben Gesellschaft wie der Präsident angehörte.

 

Der nächste Kongress fand 1924 ebenso wie der allererste in Salzburg statt. Laut Geschäftsbericht hatte die IPV mittlerweile 263 Mitglieder, während es beim ersten Kongress nicht mehr als 22 gewesen waren. Von besonderer Bedeutung war der nachfolgende Bad Homburger Kongress unter dem Vorsitz von Abraham. Auf einer Vorkonferenz wurden die Ausbildung sowie der Antrag diskutiert, eine internationale „Schulungsorganisation“ zur Vereinheitlichung der Standards einzurichten. An dieser Konferenz nahmen eingeladene Delegierte der Gesellschaften teil. Geleitet wurde sie von Ferenczi. Eitingon stellte eine Reihe wichtiger Grundsätze vor. Die Ausbildung sollte nicht der Privatinitiative Einzelner überlassen werden – statt dessen sollte in den verschiedenen Ländern Ausbildungsinstitute gegründet werden, die die von der IPV verbindlich vorgeschriebenen Ausbildungsregularien befolgten. Die Ausbildung sollte eine „Lehranalyse“ und die supervidierte Analyse von Patienten umfassen. Jeder, der psychoanalytisch praktizieren wollte, musste seine Ausbildung abgeschlossen haben, bevor er IPV-Mitglied werden konnte. Beschlossen wurde auch, dass jede Zweiggesellschaft ein aus maximal sieben Mitgliedern bestehendes Ausbildungskomitee wählen sollte und dass diese Komitees sich zu einem Internationalen Ausbildungsausschuss (später als Ausbildungskommission bezeichnet) zusammenschließen sollten. Diese Kommission diente als Zentralorgan der IPV in allen Fragen der psychoanalytischen Ausbildung. Eitingon wurde zu ihrem ersten Präsidenten ernannt.

 

Jones berichtet, dass sich auf diesem Kongress ernsthafte Differenzen zwischen den Amerikanern und den Europäern erhoben, die die Frage der Laienanalyse (das heißt der Analyse durch nichtärztliche Analytiker) betrafen. Sowohl Freud als auch Ferenczi vertraten die Ansicht, dass Ausbildungsbewerbern von einer medizinischen Ausbildung abgeraten werden sollte; die Amerikaner hingegen verlangten, dass aufgrund der in den USA weitverbreiteten Quacksalberei ein abgeschlossenes Medizinstudium zumindest von ihrer Gesellschaft obligatorisch vorgeschrieben sein sollte. Jones und Eitingon vertraten eine mittlere Position – die medizinische Ausbildung sollte empfohlen, aber nicht verlangt werden. Schließlich verabschiedete der Kongress eine Resolution, die der Ausbildungskommission das Mandat erteilte, Bedingungen für die Zulassung zur Ausbildung zu formulieren. Bis zur Verabschiedung eines solchen Programms wurden sämtliche Maßnahmen suspendiert. Das Komitee, das Eitingon zu diesem Zweck einberief, bestand ausschließlich aus Berliner Mitgliedern; zahlreiche Zweiggesellschaften versagten seinen Beschlüssen ihre Zustimmung. So wurde auf dem nächsten Kongress ein neues, international zusammengesetztes Komitee ernannt, dessen Vorsitz Jones führte. Sein Bericht wurde auf dem Wiesbadener Kongress 1932 einstimmig angenommen; es empfahl, die Regularien für die Kandidatenauswahl einschließlich der Zulassung von Laien dem Ermessen der einzelnen Gesellschaften zu überlassen.

 

In Bad Homburg wurde Abraham 1925 zum Präsidenten wiedergewählt. Er starb wenige Monate später. Eitingon übernahm seine Pflichten, während Anna Freud letzterem als Sekretärin nachfolgte.

 

In Innsbruck (1927) erfolgte Eitingons offizielle Wahl zum Präsidenten. Das geheime Komitee wurde aufgelöst und durch die Amtsträger der Vereinigung ersetzt – das heißt, durch den Präsidenten, zwei Vizepräsidenten, den Sekretär und den Schatzmeister. Sie bildeten den Vorstand der Vereinigung. 1929 fand der Kongress zum ersten Mal nicht auf dem Kontinent, sondern in Oxford statt. Eitingon verwies auf das sehr langsame Wachstum der IPV, das er auf die allgemeinverbindliche Vorschrift der Lehranalyse zurückführte. Er wurde in Oxford ebenso wie drei Jahre später in Wiesbaden erneut ins Präsidentenamt gewählt. Die Verschiebung von 1931 auf 1932 war der schwierigen ökonomischen Lage in Deutschland geschuldet. Eitingon berichtete, dass es dort mittlerweile sieben Ausbildungsinstitute gebe und dass die neueren die in Berlin, Wien und London praktizierten Ausbildungsmethoden befolgten.

 

Die Empfehlungen des neuen Ausbildungsunterausschusses bestätigten die Ausbildungskomitees als alleinige Autoritäten in allen Fragen der Zulassung zur Ausbildung und der Ausbildung selbst; die Regularien bezüglich der Auswahl von Laienkandidaten wurden den einzelnen Ausbildungskomitees überlassen; allerdings sollten die Regelungen auch die Möglichkeit von Ausnahmegenehmigungen vorsehen. Als qualifizierter Psychoanalytiker sollte sich niemand bezeichnen dürfen, der die Ausbildung noch nicht zur Zufriedenheit des Ausbildungskomitees abgeschlossen hatte. Laienkandidaten mussten zusichern, niemals konsultativ tätig zu werden; juristisch blieb der Arzt, der den Patienten überwies, allein verantwortlich. Die Ausbildung musste mindestens drei Jahre umfassen und sowohl zwei Jahre theoretischer Studien als auch die Lehranalyse bei einem anerkannten Analytiker beinhalten sowie zwei „Kontrollanalysen“ (supervidierte Analysen) von jeweils mindestens einjähriger Dauer. Nicht-analytische Studien in benachbarten Feldern wurden empfohlen. Laienanalytikern war die Weiterbildung und Erfahrung in klinischer Psychiatrie und Physiologie vorgeschrieben, Ärzten die Postgraduiertenarbeit im medizinischen, neurologischen und psychiatrischen Bereich. Kandidaten aus dem Ausland mussten die Zulassung durch ihr heimatliches Ausbildungskomitee vorlegen. Man sieht, dass die meisten unserer heutigen Regularien bereits vor fünfzig Jahren niedergelegt wurden.

Der Geschäftsbericht hielt fest, dass die Psychoanalyse in den USA deutliche Fortschritte verzeichnete und dass etliche führende europäische Analytiker gebeten worden waren, an der dortigen Ausbildung mitzuwirken. Der Kongress genehmigte die Umorganisation der APsaA in eine Föderation der Amerikanischen Gesellschaften, die als leitendes Organ fungieren und die Arbeit der Zweiggesellschaften organisieren und beaufsichtigen sollte; nur auf Empfehlung der APsaA sollten weitere amerikanische Zweiggesellschaften in die IPV aufgenommen werden können. Die APsaA selbst war keine Zweiggesellschaft mehr, doch ihr Präsident erhielt als dritter Vizepräsident einen Sitz im IPV-Vorstand.

Jones wurde zum IPV-Präsidenten gewählt (und bekleidete dieses Amt während der nächsten fünf Jahre), während Eitingon weiterhin den Vorsitz in der Internationalen Ausbildungskommission führte. Der 13. Kongress fand 1934 in Luzern statt; Ferenczi, der Gründer der IPV, wurde posthum geehrt. Der Geschäftsbericht hielt fest, dass die Reorganisation der APsaA noch nicht abgeschlossen war, und brachte die Hoffnung zum Ausdruck, dass die Vereinigung ihre Statuten möglichst bald niederlegen und dem Vorstand unterbreiten würde. So geschah es. Auf dem nächsten Kongress, Marienbad 1936, wurden die amerikanischen Statuten genehmigt und ratifiziert. Es erging der Beschluss, dass jede Resolution, die der Kongress speziell in Bezug auf Amerika verabschiedete, dem Veto der APsaA unterliegen sollte. Amerika wurden somit eine Sonderstellung und beträchtliche Autonomie zugestanden.

 

Der letzte Vorkriegskongress tagte 1938 in Paris. Jones berichtete, dass sich die Wiener Gesellschaft im Anschluss an die Annexion Österreichs durch die Nazis aufgelöst habe – es seien lediglich etwa ein halbes Dutzend Mitglieder in Wien zurückgeblieben. Er berichtete außerdem, dass die APsaA in letzter Minute eine Mitteilung eingereicht habe, in der unter anderem vorgeschlagen wurde, die IPV als administratives und Leitungsgremium aufzulösen und sie als einen Kongress mit rein wissenschaftlichen Zielen weiterbestehen zu lassen. Jones schlug die Gründung eines Komitees vor, das mit dem Vorstand der APsaA verhandeln sollte. Sein Vorschlag wurde angenommen. Dieses europäische Komitee scheint getagt zu haben, ein Treffen mit den Amerikanern aber hat infolge des Ausbruchs des Zweiten Weltkriegs nie stattgefunden.

 

Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs trafen sich in Maresfield Gardens (London) führende amerikanische Analytiker mit einigen Mitgliedern der Britischen Gesellschaft. Da Jones die IPA seit 1938 (unterstützt durch Glover und danach durch Anna Freud) führte, richteten sich die Angriffe der Amerikaner gezielt gegen ihn. Schließlich konnte er sie gleichwohl überzeugen, dass er in Wirklichkeit keine Reinkarnation Königs Georges III. war. Nach Ende des Krieges fand 1948 ein offizielleres Zusammentreffen im Savoy Hotel statt, über das Jones auf dem nächsten Kongress berichtete. Zugegen waren sieben Repräsentanten aus Amerika und sechs aus London. Sie einigten sich darauf, dass die Statuten der IPV in mehreren Punkten veränderungsbedürftig seien. Das Internationale Ausbildungskomitee wurde nicht mehr erwähnt; faktisch existierte es nicht mehr. Man einigte sich auf ein „Gentleman’s agreement“, demzufolge das Amt des Präsidenten abwechselnd von einem amerikanischen und einem europäischen Analytiker bekleidet werden sollte; diese Abmachung wurde allerdings nicht in die Statuten aufgenommen. Als Jones sein Amt nach 15 Jahren in Folge niederlegte, wurde mit Leo Bartemeier ein amerikanischer Präsident gewählt. Jones wurde zum Ständigen Ehrenpräsidenten ernannt. Vorgenommen wurden diese Änderungen 1949 in Zürich, auf dem ersten Nachkriegskongress. Es war der erste Kongress nach Freuds Tod im Jahr 1939.

 

1956 wurde der 100. Geburtstag Freuds weithin auf mannigfaltige Weise, u.a. mit einer von Jones gehaltenen Vorlesungsreihe, gefeiert. Auf dem Pariser Kongress wurde für die APsaA eine neue Organisationskategorie geschaffen: Eine Regionale Vereinigung mit lokaler Autonomie in allen Fragen der Ausbildung; die lokalen amerikanischen Gesellschaften wurden der APsaA affiliiert, doch nur denjenigen amerikanischen Analytikern, die der APsaA angehörten, wurde auch die Mitgliedschaft in der IPV zugestanden. Damit schienen die Schwierigkeiten, die das Verhältnis zwischen Europa und Amerika viele Jahre lang belastet hatten, zufriedenstellend gelöst zu sein.

Der Kopenhagener Kongress 1959 war der erste seit 1910, an dem Jones nicht teilnahm. Er war 1958 gestorben.

1951 waren die Sigmund Freud Archives, deren Sekretär Kurt Eissler war, in den Besitz des State of New York übergegangen. Ihre Aufgabe war die Sammlung jedweden Materials, das im Zusammenhang mit Freuds Biographie und seinen wissenschaftlichen Interessen stand. Viele Jahre lang erstatteten Eissler oder sein Abgesandter den Kongressen Bericht über die Archive, häufig über Schenkungen wichtiger Briefe und anderen Materials.

Auf dem Kopenhagener Kongress 1967 wurde der erfolgreiche Abschluss der Standard Edition von Freuds „Psychological Works“ zu Protokoll gegeben.

1971 fand der Kongress in Wien statt, erstmals überhaupt in der Geburtsstadt der Psychoanalyse; und zum ersten Mal seit 1938 kehrte Anna Freud nach Wien zurück. Leo Rangell, der Präsident, überreichte ihr aus diesem Anlass eine Auszeichnung.

Auf dem Pariser Kongress 1973 kam es zu einer extrem langen Debatte über den Ritvo-Report über die kinderanalytische Ausbildung und den IPV-Status von Kinderanalytikern, die keine Ausbildung in Erwachsenenanalyse absolviert hatten. Der Report wurde vom Kongress abgelehnt; das bedeutete, dass der Status quo unverändert blieb – lediglich Analytiker, die erfolgreich ihre Ausbildung in der Erwachsenenanalyse absolviert hatten, kamen für die Mitgliedschaft in der IPV in Frage. Anna Freud wurde zur Ehrenpräsidentin ernannte und folgte Heinz Hartmann nach, der 1970 gestorben war. Miss Freud blieb von 1973 bis zu ihrem Tod 1982 Ehrenpräsidentin.

 

1979 fand in New York der erste transatlantische IPV-Kongress statt. Der Geschäftsbericht verzeichnete nunmehr rund 5.000 Mitglieder, bei steigender Tendenz. In Jerusalem war das Sigmund Freud Centre for Psychoanalytic Studies and Research mit einem Lehrstuhl an der Hebrew University gegründet worden. Auch über die in der Wiener Berggasse 19 beheimatete Sigmund-Freud-Gesellschaft wurde berichtet. Sie war seit ihrer Gründung im Jahre 1968 aktiv, hatte eine Bibliothek und ein Archiv aufgebaut, publizierte ein Bulletin und hatte ein Museum eingerichtet. Die offizielle Eröffnung hatte während des Wiener Kongresses 1971 stattgefunden.

 

Seit den 1980er Jahren wurde die IPV durch Lateinamerika als dritte administrative Region erweitert. Der erste Kongress auf südamerikanischem Boden fand 1991 in Buenos Aires statt. Das Amt des Präsidenten wird seither auch von Vertretern dieser Region geführt. Der erste lateinamerikanische Amtsinhaber war von 1993 bis 1997 Horacio Etchegoyen.

Dass die Organisation von Kongressen zu den vorrangigen Aktivitäten der IPV zählt und etliche Präsidenten eine führende Rolle in ihrer Entwicklung spielten, ist kaum zu bezweifeln. Einen ungemein wichtigen Beitrag zur Arbeit der IPV aber haben auch andere geleistet, vor allem die Sekretäre und Schatzmeister und während der vergangenen drei Jahrzehnte das zentrale Büro. Die Vereinigung ist über die Jahre nicht nur stetig gewachsen, so dass sie Ende 2009 mehr als 12.000 Mitglieder zählt. Sie ist auch zwischen den Kongressen aktiver geworden; ein Schwerpunkt liegt dabei auf der Unterstützung und Beratung neu entstehender Gruppen in den verschiedenen Weltregionen.

 

Nach dem Fall der Berliner Mauer entstand eine enge Zusammenarbeit zwischen der IPV und der Europäischen Psychoanalytischen Föderation mit dem Ziel, in den postkommunistischen Ländern neue Gesellschaften und Studiengruppen aufzubauen. Diese Kooperation mündete in die Gründung des Psychoanalytischen Instituts für Osteuropa. 1997 wurde das IPV-Komitee bei den Vereinten Nationen ins Leben gerufen, und 1998 wurde der Vereinigung ein konsultativer Status beim Wirtschafts- und Sozialrat der Vereinten Nationen zuerkannt.

 

1910 geboren, hat sich die IPV nun zur vollen Reife entwickelt und ist heute internationaler als je zuvor. Im nächsten Jahr wird die erste psychoanalytische Tagung in China stattfinden und die Entwicklung und Veränderung der Psychoanalyse in einem asiatischen Kontext erforschen.

 

2010 wird für die IPV ein wichtiges Jahr. Sie feiert ihr 100-jähriges Bestehen. Weltweit sind Veranstaltungen in Vorbereitung, deren Schwerpunkt auf 100 Jahren Psychoanalyse, aber auch auf den Herausforderungen der nächsten 100 Jahre liegen wird. Ein Buch über die Geschichte der IPV ist in Arbeit und wird der psychoanalytischen Commnity zugänglich gemacht werden.

 

(In Anlehnung an einen Artikel von William H. Gillespie, 1982)

 

Hauptquellen

Ernest Jones: Sigmund Freud, Leben und Werk

Ernest Jones: Free Associations

Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse

International Journal of Psycho-Analysis

 

 

 
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