Angst und Unruhe sind zu einem gewissen Grad völlig normal und gehören vom Moment unserer Geburt an zu uns. Weil wir als Babys einer solchen Vielzahl neuer Erfahrungen ausgesetzt sind, die wir irgendwie in unser psychisches Leben absorbieren müssen, sind dieses Alter und die frühe Kindheit eine besonders wichtige Entwicklungsphase.
Wenn wir ein wenig älter werden, fragt man uns: “Wie alt bist du?”
Wie alt wofür? Zum Beispiel, wenn Sie erst 3 sind! Und doch sind Sie vom Augenblick Ihrer Geburt an alt genug, um zu sterben! Ist das nicht an sich schon beunruhigend?
Deshalb wird dieses Gefühl der Angst für jeden Menschen zu einem der vertrautesten Begleiter. Wir nennen es „Realangst“.
Doch wann wird dieses Gefühl schwierig oder gar verstörend?
Wenn es “automatisch” auftaucht, ohne irgendeinen vorherigen Hinweis oder ein Warnsignal unsere gesamte psychische Abwehr fortschwemmt und eine solche Hilflosigkeit in uns erzeugt, dass anderen Gefühlen, Gefühlen der Fragmentierung, der Desintegration, der Auflösung, Haltlosigkeit, Schwäche und sogar Sinnlosigkeit Tür und Tor geöffnet sind.
Normale Ängste zu haben, ist eine Sache, eine völlig andere ist es, ständig von Unruhe oder Beklommenheit gequält zu werden. Diese Gefühle können den Menschen in jedem beliebigen Moment anfallen, ihn überrumpeln und alle erdenklichen Symptome hervorrufen; sie reichen von einfachen oder komplexen Hemmungen, die unsere alltägliche Verrichtungen und Aktivitäten erschweren, bis hin zu grauenhaften, qualvollen Zuständen der Selbstauflösung.
Zumeist versuchen die Betroffenen automatisch, eine Ursache für ihr Leid zu finden, um es sich erklären zu können; in der Psychoanalyse bezeichnen wir dies als eine „Rationalisierung“: Sie soll das Leid erträglicher machen. Dahinter steckt der unbewusste Versuch, der eigentlichen Situation auszuweichen. Doch die Ursachen, die auf diese Weise gefunden werden, sind zumeist nur sekundärer Art. Um die wirkliche Ursache zu finden, sollte man es mit der „Redearbeit“ in einer psychoanalytischen Beziehung versuchen; sie kann die „geheimnisvollen“ grundlegenden Fakten vielleicht zutage fördern.
Es gibt zahlreiche mögliche “Ursachen” für chronische Angst. Sie sind zum Teil leicht zugänglich und können erfolgreich behandelt werden. Andere Ursachen sind in tieferen Schichten verborgen oder haben sich, weil sie nie behandelt wurden, in der Persönlichkeit des Betroffenen aufgestaut. Sie alle sind potentiell „verstehbar“, und es ist wichtig, sich mit ihnen auseinanderzusetzen, damit sie sich nicht – wie es leider recht häufig geschieht – in einen organischen, physischen Schmerz verwandeln.
Gefühle und Reaktionen der Verzweiflung und Angst können unterschiedlich stark ausgeprägt sein. Dies hängt vom persönlichen Hintergrund und der Schulbildung sowie von den Beziehungen zu den Eltern ab.
Diese Angst kann sich zu mannigfaltigen Symptomen organisieren und zum Beispiel als Phobie oder als Phantasie über eine körperliche Erkrankung zum Ausdruck kommen; in anderen Fällen bleibt sie ungebunden, liegt sozusagen auf der Lauer und wartet auf einen unbewussten Auslöser, der sie aktiviert. Doch falls es zu einer Schädigung des Körpers kommt, muss diese Verzweiflung unverzüglich behandelt werden.
Wenn sich ein psychisches Symptom herausgeformt hat, wie es bei den Phobien und sogar bei manchen Sucht- oder Zwangserkrankungen der Fall ist, setzt der Kampf gegen die Symptomatik ein. Er wird zum wichtigsten Ziel überhaupt und kostet jede Menge Energie, die den potentiellen Stärken und Ressourcen des Betroffenen entzogen wird.
Sowohl die realistische Angst, von der man sich frei machen kann, um weiter zu leben, als auch die automatische oder traumatische Angst, die einem das Gefühl vermittelt, keinen Seelenfrieden zu finden, nirgendwo zur Ruhe zu kommen und niemanden zu haben, der einem beisteht, vermittelt das Gefühl der Hilflosigkeit und macht alle Versuche, die täglichen Herausforderungen und Aktivitäten effizient und reibungslos zu erledigen, zunichte.
Was also kann die Psychoanalyse anbieten? Vielleicht kann sie ermöglichen, dass man sich mit diesem Schmerz nicht lediglich abfindet, sondern das Leid tatsächlich zu lindern und sich sogar von ihm zu befreien versucht.
Die Behandlung bei einem Psychoanalytiker ermöglicht es, nach und nach, im Laufe einer gewissen Zeit, die symbolischen Grundlagen der Angst zu finden und/oder zu erzeugen; dann können sich die psychischen Ressourcen erholen. Dies führt zu einer realen Bereicherung und vermittelt ein Gefühl innerer Kraft und Genesung, mit dem sich neue, optimistische Ausblicke auf das Leben öffnen.
DIE DEPRESSION IN NEUEM LICHT
Verzweiflung, Hilflosigkeit, Hoffnungslosigkeit … diese Worte werden im Allgemeinen benutzt, wenn wir über die Depression sprechen oder schreiben. Winston Churchill bezeichnete seine Depression bekanntlich als “schwarzen Hund”, eine Formulierung, die sich dank ihrer Anschaulichkeit eingebürgert hat. Häufig sprechen depressive Patienten auch von „schwarzen Löchern“. Diese Metapher bringt die Finsternis und ihre – der Welt der Physik entlehnte – Eigenschaft zum Ausdruck, alles, dessen sie habhaft wird, in sich aufzusaugen und zu zermalmen. Einer solchen Finsternis wird nie ein Lichtstrahl entweichen. Die Überzeugung, dass nie wieder Licht werden und dem Betroffenen nie wieder „licht = leicht“ ums Herz sein wird, ist für die Depression charakteristisch.
Als Psychoanalytiker sind wir auf die Sprache angewiesen und darauf, dass unsere Patienten uns mit ihren Worten und Formulierungen schildern, wie sich ihr depressives Leid anfühlt. Manchmal aber ist unsere Sprache der Aufgabe, Gefühle zu beschreiben, nicht gewachsen. Qual ist ein stärkerer Begriff als psychischer Schmerz. Psychischer Schmerz? Ja, es ist ein Schmerz, und er ist nicht weniger real als körperlicher Schmerz. Der altmodische Begriff „Melancholie“ versuchte ihn zu erfassen.
Der Schmerz der „Depression“ kann vielerlei Gestalt annehmen: Erschöpfung, Hoffnungslosigkeit, Hilflosigkeit, Verzweiflung, unerklärliche Traurigkeit, Interesselosigkeit, Lustlosigkeit, ein Gefühl der Leere, der Ziellosigkeit und so weiter.
Wir haben zumeist keine Probleme mit den Bereichen unseres Gehirns und Geistes, die fürs Kopfrechnen zuständig sind und Erinnerungen aufbewahren. Doch wenn wir über den Bereich unserer Psyche sprechen wollen, der schmerzt, wird es komplizierter. Warum und wie der Geist oder die Psyche schmerzt, ist wesentlich schwieriger zu verstehen.
Vor einigen Jahren wurde in einer Arbeit über den Suizid der Ausdruck „psych-ache“ – Seelenschmerz – geprägt.
Seelenschmerz empfinden wir, wenn unsere Psyche leidet. Zwischen Seelenschmerz und Kopfschmerz besteht ein himmelweiter Unterschied. Der Wortbestandteil „Psych-“ ist wohlbekannt und uns durch Begriffe wie Psych-iatrie und Psych-ologie vertraut. Bezeichnungen wie Psycho-therapie oder Psycho-analyse sind weniger geläufig. Doch wie es sich anfühlt, unter Depressionen zu leiden, erfahren wir nirgendwo genauer als in der psychoanalytischen Arbeit mit Patienten, die uns ihre Gefühle schildern – und wenn wir aufmerksam genug und lang genug zuhören, finden wir gewöhnlich auch heraus, weshalb jemand depressiv ist.
Einzig die reale Beziehung zum Analytiker kann aufdecken, was in dem leidenden Menschen vorgeht und wie er sein Leben erlebt.
Wenn der psychische Schmerz, der beschrieben wird, keinem leicht erkennbaren Muster entspricht, müssen der Analytiker und sein Patient länger miteinander sprechen und einander länger zuhören, um den Seelenschmerz besser zu verstehen.
All dies kostet Zeit – und Geduld. Oft fällt es schwer, die treffenden Worte zu finden, und oft wird die Suche nach den Ursachen depressiver Gefühle an sich als schmerzvoll erlebt.
Es gibt einige relativ leicht erkennbare Muster der depressiven Symptomatik, die auf Medikamente oder kognitive Techniken gut ansprechen – doch wie verhält es sich mit Depressionen anderer Art?
Die klinische Erfahrung der Psychoanalytiker legt nahe, dass „die anderen“ Depressionen in zwei Gruppen fallen: Depressionen, die mit Verlusten zusammenhängen, und Depressionen, die damit zusammenhängen, dass der Betroffene nichts (oder nicht genug) bekommen hat. Verluste und Entbehrungen: Verlust der Eltern, Verlust von Kindern, Partnern oder anderen wichtigen Beziehungen; Verlust des Arbeitsplatzes oder der Selbstachtung; Verlust der Mobilität oder gar von Körperteilen infolge einer Erkrankung oder eines Unfalls. Wenn alles gut geht, durchleben wir eine Phase des Kummers und der Trauer um unsere Verluste – doch allzu häufig werden Trauer und Kummer durch gemischte Gefühle erschwert; dann geht der Schmerz in den „Untergrund“ und untergräbt unser Wohlbefinden.
„Verlustdepressionen“ sind häufig schwierig zu identifizieren, denn dieselben Gründe, die das Durcharbeiten des Verlusts ursprünglich unmöglich, weil zu schmerzhaft, machten, bewirken, dass er vor unserem Bewusstsein maskiert und verborgen wird – nicht notwendig vor unserem „Faktenbewusstsein“, aber doch vor dem Bewusstsein für die Relevanz, die er für unser Leiden besitzt. Der sensibel zuhörende Behandler wird häufig Zusammenhänge zwischen dem Beginn der depressiven Symptome und einem vorangegangenen signifikanten Verlust entdecken können. Manchmal erfolgen in einem kurzen Zeitraum viele kleinere und größere Verluste, die unsere Fähigkeit, sie zu verarbeiten, kumulativ überfordern.
„Entbehrungsdepressionen“ haben ein wesentlich längere Geschichte; die gesamte Persönlichkeit ist und war „deprimiert“ und nicht in der Lage, ihre Chancen im Leben zu nutzen und ihre Potentiale zu realisieren.
Suizide von Jugendlichen und jungen Erwachsenen sind ein tragisches Beispiel für dieses nicht realisierte Potential. Sie hängen häufig mit Gefühlen der Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit und mitunter auch des Selbsthasses zusammen, die nicht artikuliert werden können. Das Verstehen solcher Gefühle kann das Leiden häufig lindern und zweifellos eine bessere Perspektive aufzeigen. Die Beziehung, die sich in der Analyse entwickelt, dient abermals als Medium, das Gelegenheiten bietet, die selbstschädigenden Verhaltensweisen zu verändern.
Um die Schwierigkeiten zu verstehen und dann auch durchzuarbeiten, ist eine angemessene Anzahl von Therapiesitzungen bei einem Analytiker erforderlich. Was ist „angemessen“? Es kommt auf den einzelnen Patienten an. Doch um zumindest zu sehen, dass die Depression verstanden und gebessert werden kann, sind genügend Sitzungen erforderlich, in denen der Patient spürt, dass der Psychoanalytiker „Licht in die Finsternis bringen“ und Hoffnung auf den psychoanalytischen Prozess vermitteln kann.
Ein keineswegs seltener Grund, weshalb sich Menschen in eine Behandlung begeben, ist eine chronische Unzufriedenheit mit ihrem Leben: Sie fühlen sich leer und gelangweilt und verspüren sogar nihilistische Gefühle. Manchmal haben sie mehrere unbefriedigende Beziehungen hinter sich – oder es ist ihnen noch nie gelungen, eine Beziehung aufzubauen.
Solche Menschen empfinden keine Freude an ihrer Arbeit und haben keinerlei Hoffnung, an ihrer Situation etwas ändern zu können.
Sie betrachten sich nicht zwangsläufig als „depressiv“ – dennoch aber haben sie vieles mit Menschen gemeinsam, bei denen wir eine Depression diagnostizieren würden: Freudlosigkeit, Appetitlosigkeit, Schlafstörungen, unbefriedigende oder nicht existente sexuelle Beziehungen und eine Unfähigkeit, sich für irgendetwas wirklich zu interessieren! Manchmal wird bei solchen Menschen eine klinische Depression diagnostiziert, und manchmal werden ihnen antidepressive Medikamente empfohlen.
Was auch immer diese chronische Unzufriedenheit verursacht: mit Antidepressiva ist ihr nicht beizukommen. Die zugrunde liegenden Ursachen und Erklärungen können nur im Kontext einer analytisch orientierten therapeutischen Beziehung aufgedeckt werden – in einer Beziehung, die Sicherheit und Vertraulichkeit gewährleistet und in der die aktuellen Erfahrungen des Patienten sowie seine Vergangenheit erforscht werden.
Diese Arbeit kostet Zeit (und Mut) – doch es besteht die Hoffnung auf Zufriedenheit und Sinn im Leben.
Substanzmissbrauch und andere “Süchte” sind – leider – sehr weit verbreitet. Der Alkoholmissbrauch ist nur eine von zahlreichen Formen, wenngleich vermutlich die häufigste; doch der Konsum und Missbrauch illegaler Drogen sowie der Medikamentenmissbrauch sind ebenfalls gravierende Probleme.
Wahrscheinlich ist auch unkontrolliertes Spielen eine Sucht.
Bei dem Wort “Sucht” denkt vermutlich nicht jeder automatisch auch an Essstörungen [siehe unten] – oder an die Kaufsucht oder die Sexsucht!
Gleichwohl können all diese Verhaltensweisen, die normal sind, solange sie innerhalb akzeptabler Grenzen bleiben (und keinen Schaden anrichten!), zur „Sucht“ werden, nämlich wenn sie „außer Kontrolle geraten“. Das Problem besteht darin, dass der „Süchtige“ den zerstörerischen Charakter seines eigenen Verhaltens häufig strikt verleugnet. Er ist darauf angewiesen, dass ein ihm nahestehender Mensch die Augen öffnet – und dieser Mensch ist unter Umständen jemand, der unter dem Verhalten zu leiden hat, sei es unter Gewalt (infolge des Alkohol- oder Drogenkonsums), unter finanziellen Einbußen (infolge des Spielens), unter Persönlichkeitsveränderungen des Kranken (die sich im Gefolge nahezu aller Süchte einstellen) usw.
Partner und Kinder von „Alkoholikern“ und „Suchtkranken“ sind häufig die Hauptleidtragenden der Störung. Aber auch Arbeitskollegen.
In unserer Gesellschaft hat praktisch jeder – angefangen bei den Ärzten und Psychiatern über Politiker, Priester, Polizisten, Richter und „ehemals Süchtige“ bis hin zum Mann auf der Straße – eine Meinung über Suchterkrankungen: Sie werden entweder als körperliche Krankheit betrachtet oder aber als moralisches Versagen, als Charakterschwäche.
Psychoanalytiker teilen diese Meinungen nicht, halten jedoch sämtliche Formen der Sucht für potentiell verstehbar!
Wenn wir eine subtile, aber wichtige Veränderung vornehmen und das Wort „Sucht“ gegen „Zwang“ austauschen, können wir uns fragen, weshalb jemand unbewusst gezwungen ist, Alkohol, Drogen, Spielen, Essen, Einkaufen usw. zu miss-brauchen, um unangenehme und unerträgliche Gefühle unter Kontrolle zu bringen, die mit seinem persönlichen Leben zu tun haben. Die Betroffenen praktizieren eine „perverse“ Form der Selbstmedikation oder beruhigen sich durch den Missbrauch von im Übrigen normalen menschlichen Aktivitäten.
Ein motivierter Mensch, der den Mut aufbringen will, zusammen mit einem qualifizierten Psychoanalytiker zu erforschen, weshalb er seine „Sucht“ braucht, wird mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit verstehen, was ihn zu diesem letzten Endes hochgradig selbstdestruktiven Verhalten „veranlasst“ – oder regelrecht „zwingt“. Psychoanalytiker sind davon überzeugt, dass die Bewusstmachung dessen, was zuvor unbewusst war, sowohl das Wohlbefinden verbessert als auch die Hoffnung stärkt, Verhalten verändern zu können – die ersten Schritte auf dem Weg zur Heilung.
Die psychische Bedeutung eines bestimmten Suchtverhaltens ist individuell unterschiedlich. Das Verhalten kann eine symbolische Bedeutung haben – oder es kann eine Art Übersprungshandlung sein; es kann als Ersatz für irgendein anderes wichtiges Bedürfnis dienen – oder einen destruktiven Zweck erfüllen. Und damit sind die Möglichkeiten keineswegs erschöpft.
Ein Problem mit sämtlichen Formen des Suchtverhaltens besteht darin, dass die Sucht sehr schnell das Nachdenken über sich selbst vereitelt. Die Sucht ist tatsächlich der Feind des Denkens! Es ist so einfach, sich zu betrinken, „einen draufzumachen“, „auf Tour zu gehen“ und so weiter. Es ist sogar dermaßen einfach, dass einem die Überlegung, die eigenen Probleme psychoanalytisch zu erforschen, ungemein schwer fällt, solange man seiner Sucht gehorcht. Häufig ist eine Phase der Entgiftung, eine Entziehungskur, ratsam, wenn man sich mit dem Gedanken an eine psychoanalytische Behandlung zu beschäftigen beginnt.
Gleichwohl bringt das Verstehen auch die Hoffnung mit sich, die zuvor „mysteriösen“ Kräfte, die das eigene Verhalten beeinflussten, zu einem gewissen Grad unter bewusste Kontrolle bringen zu können. Die psychoanalytische Beziehung wird darüber hinaus viele wichtige Aspekte der persönlichen Schwierigkeiten ans Licht bringen, damit auch sie verstanden und bewältigt werden können!
Wenn sich Ihr Mut und Ihre Motivation mit dem Fachwissen und der Erfahrung eines Psychoanalytikers verbinden, haben Sie gute Aussichten, sich von den zwanghaften Aspekten Ihrer Suchtstörung befreien zu können.
Essstörungen sind heutzutage in unseren Industrienationen weit verbreitet, ja fast epidemisch. Trotz aller Errungenschaften, die Frauen sich erkämpft haben und die es ihnen ermöglichen, zu sein, wie sie sein möchten, macht die kulturelle Erwartung, dass eine Frau schlank und durchtrainiert sein muss, viele Frauen, denen die Dauerdiät schwer fällt, unglücklich. Notorisch sind die folgenden Symptome: akute Angst, Depression, niedriges Selbstwertgefühl, Essattacken und/oder Hungern. Diätpillen, Entwässerungs- und Abführmittel sowie Zigaretten werden häufig zum Abnehmen benutzt. Daneben kommen plastische Chirurgie und Fettabsaugung zum Einsatz. (Obwohl die Mehrzahl der Leidenden Frauen sind, machen diese Erwartungen mittlerweile auch immer mehr Männern zu schaffen.)
Eine psychoanalytische Erforschung kann es Ihnen ermöglichen, die Unzahl von Gründen zu verstehen, die Sie veranlassen, sich einer kulturellen Erwartung zu beugen, die nicht nur ungesund, sondern aus körperlichen Gründen oft auch unrealistisch ist. Gemeinsam mit einem Psychoanalytiker können Sie nach den verborgenen und häufig unbewussten Quellen des Bedürfnisses forschen, sich anzupassen, statt sich von der Masse fernzuhalten. Sie können Ihre „Oralität“ untersuchen, die Bedeutung, die Sie seit Ihrer frühesten Kindheit mit der Nahrungsaufnahme verbinden, Ihre Erfahrungen mit mütterlicher Zuwendung und anderen liebevollen Beziehungen, Ihre Gefühle, geliebt oder nicht geliebt zu werden, akzeptiert oder nicht akzeptiert zu werden. Sie können Ihre „Analität“ untersuchen, die Bedeutung der Nahrung als etwas, woran Sie lieber festhalten oder das Sie loswerden möchten, Ihren Hang zur Negativität und/oder Ihr Bedürfnis, Ihre Körperfunktionen zu kontrollieren. Passive oder rebellische Verhaltensmuster etablieren sich frühzeitig. Sie können die gesunde und die weniger gesunde Geschichte Ihrer Beziehungen zum anderen Geschlecht im Kontext der väterlichen Liebe und Zustimmung (die häufig mit dem „Dick-„ oder „Dünnsein“ zu tun hat) untersuchen. Was Sie tun, um geliebt zu werden, wird in Ihren frühen Beziehungen zu Ihren Eltern geprägt, durch Ihr Gefühl, von den Eltern geliebt und für begehrenswert und attraktiv gehalten zu werden. Dies gilt für die frühen Lebensjahre gleichermaßen wie für die stürmischen Jahre der Adoleszenz.
In der Psychoanalyse finden Sie Gelegenheit, die Gefühle und Phantasien zu erforschen, die Sie gegenüber dem Analytiker entwickeln. Dadurch verstehen Sie besser, was sich aus früheren Beziehungen in der Gegenwart wiederholt und was in Ihren Beziehungen außerhalb der analytischen Situation geschieht. Psychoanalytiker nehmen an, dass Essstörungen sehr viel mit unbewussten Phantasien und Wünschen zu tun haben, die Liebe anderer zu gewinnen, ihre Aufmerksamkeit zu wecken und von ihnen angesehen zu werden, um das eigene Körperbild zu konsolidieren; sie können auch Wut über wichtige andere Menschen ausdrücken.
Die psychoanalytische Behandlung soll es Ihnen ermöglichen, gesunde körperliche und psychische Lösungen für Ihr gesamtes Leben zu finden.
Psychoanalytische Theorien leisten einen bedeutenden Beitrag zum Verständnis der “menschlichen Natur” und ihrer kulturellen Hervorbringungen auf den Gebieten der Literatur, des Theaters und insbesondere des Films; besonders wertvoll aber sind sie für Menschen, die unter ihren eigenen schwierigen Gefühlen und Verhaltensweisen leiden.
Menschen mit schweren und chronischen Ängsten oder Depressionen, Menschen, deren Beziehungen ein ums andere Mal scheitern, Menschen, denen es schwerfällt, sich überhaupt auf eine Beziehung einzulassen, oder Menschen, die eine unerklärliche Leere in ihrem Leben verspüren, können von einer psychoanalytischen Behandlung erheblich profitieren.
In der modernen Welt erfüllt die Psychoanalyse eine hochkomplizierte Funktion: Sie kann einen wichtigen Beitrag dazu leisten, das eigene „Selbst“ zu verstehen und zu begreifen, wie die eigene Psyche funktioniert – und sie erleichtert es erheblich, die Psyche anderer Menschen besser zu verstehen!
Dennoch führt sie uns naturgemäß nicht selten auf bedrohliches und unliebsames Gelände.
Als Sigmund Freud um die Wende zum 20. Jahrhundert die „Psychoanalyse“ als Behandlungstechnik entdeckte, begriff er sehr rasch, dass die Erkenntnisse, die er in der klinischen Arbeit mit Patienten gewann, den „Frieden dieser Welt stören“ mussten. Er hat recht behalten; allein das Wort „Psychoanalyse“ veranlasst heutzutage viele Menschen zu einer feindseligen Reaktion.
Wer aber mutig genug ist, um als Patient oder Erforscher der menschlichen Psyche durchzuhalten und herauszufinden, was die Psychoanalyse zu bieten hat, wird reich belohnt.
Die Psychoanalyse widmet sich der Welt der unbewussten Psyche. Dies ist ihre natürliche Bestimmung. Sie geht von der Grundannahme aus, dass unsere frühen Erfahrungen – ganz gleich welcher Art – einen starken Einfluss darauf ausüben, wie sich unsere Psyche entwickelt und wie wir mit anderen Menschen interagieren.
Zahlreiche bedeutende Psychoanalytiker haben unser Verständnis der psychischen Entwicklung und der psychischen Prozesse – insbesondere der so genannten Abwehrmechanismen – vertieft und erklärt, wie sie uns den Umgang mit unserer Umwelt erleichtern. Auch wenn man bei dem Wort „Psychoanalyse“ fast automatisch an Freud denkt, dürfen wir die zahlreichen theoretischen und behandlungstechnischen Weiterentwicklungen nicht vergessen, die aus der psychoanalytischen therapeutischen Arbeit und Forschung der vergangenen 100 Jahre hervorgegangen sind.
Psychoanalytiker haben auch mit sehr schwer gestörten Patienten gearbeitet, die von vielen Psychiatern als „psychotisch“ diagnostiziert würden. Wenn aber sowohl der Patient als auch der Psychoanalytiker genügend Motivation und genügend Mut besitzen, können sie gute Ergebnisse erzielen. Heute werden begleitend zur psychoanalytischen Behandlung manchmal auch Medikamente verschrieben; den wesentlichen therapeutischen Beitrag aber leistet die Beziehung, die sich zum Analytiker entwickelt.
Weitere Informationen über die Psychoanalyse und das, was sie zu bieten hat, finden Sie auf anderen „Seiten“ dieser Webseite.
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