Geschichte der IPV

 

Die Anfänge und Entwicklung der IPV

 

In Nostalgie schwelgend berief Freud sich des Öfteren auf die zehn Jahre der splendid isolation, während der er die Theorie der Psychoanalyse entwickelte. Seiner Meinung nach begann dieser Zeitraum zweifellos dann, als seine Zusammenarbeit mit Breuer im Jahr 1894 ein Ende fand und ihn somit dazu zwang, seine Arbeit alleine weiterzuführen, ohne einen Kollegen, mit dem er sie besprechen konnte. Seit der Veröffentlichung von Freuds Briefen an Fließ wissen wir jedoch, dass diese beiden Männer einen äußerst regen Briefkontakt pflegten. Freud testete an Fließ, auf welche Reaktion seine sich noch in der Entwicklung befindlichen Theorien stoßen würden. Zudem wissen wir, dass einige von Freuds Lehren mit Sicherheit von Fließ' eigenen Theorien beeinflusst waren. Außerdem trafen sich die beiden Männer mehrere Male zu “Kongressen”, wie Freud sie scherzhaft nannte. Dieses Wort ließ bereits erahnen, was in Zukunft noch folgen würde. Folgendermaßen war Freud mit seiner Arbeit nicht völlig isoliert, wenngleich er tatsächlich keine Mitstreiter in Wein hatte, da Fließ ein Berliner war.


1902 lud Freud, wahrscheinlich auf Initiative seines ehemaligen Patienten Stekel, vier Männer (Stekel, Adler, Kahane und Reitler) ein, um mit ihnen seine Arbeit zu diskutieren. Sie bildeten die von ihnen so genannte Psychologische Mittwochsgesellschaft, da sie sich wöchentlich an diesem Tag trafen.1908 gab es bereits 14 Mitglieder und die Mittwochsgesellschaft wurde in Wiener Psychoanalytische Vereinigung umbenannt.In diesem Jahr stieß auch Ferenczi dazu. Zusätzlich zu den Mitgliedern nahmen zudem Gäste an den Treffen teil. Einige unter ihnen sollten in der Zukunft große Bedeutung für die Psychoanalyse erlangen, so zum Beispiel die späteren IPV-Präsidenten Eitingon, Jung, Abraham und Jones.



IPV-Film:

Film mit historischen Schauplätzen, Zeitzeugen-Interviews und -Kommentaren, 2010 im Auftrag der IPV von Lee Jaffe gedreht, produziert von Nadine Levinson und moderiert von Leo Rangell.



1907 besuchte Jones Jung in Zürich. Jones hatte Freud zuvor noch nicht persönlich getroffen, obgleich er sich bereits intensiv mit seinen Schriften auseinandergesetzt hatte und seit Ende 1906 in London bei seinen Patienten die psychoanalytische Methode anwandte. Jones war es schließlich auch, der Jung ein internationales Treffen vorschlug, das Kollegen von verschiedenen Kontinenten zusammenführen sollte um ihr gemeinsames Interesse der Psychoanalyse zu besprechen. In Anbetracht dessen könnte man behaupten, dass Jones der Ideengeber dessen war, was schließlich zur Gründung der IPV führte. Freud begrüßte den Vorschlag und wählte Salzburg als Treffpunkt, da er die Stadt als den besten Ort für dieses Treffen hielt. Jones hätte das Treffen gerne “Internationaler Psychoanalytischer Kongress” genannt, Jung bevorzugte jedoch den Titel “Erster Kongress für Freudsche Psychologie”. Dieses allererste, sehr informelle Treffen wird nun als der erste Internationale Psychoanalytische Kongress betrachtet, obwohl die Internationale Vereinigung zu diesem Zeitpunkt noch nicht gegründet worden war.


Während dieses Treffens am 27. April 1908 in Salzburg besprach man die Idee einer Internationalen Vereinigung und einigte sich im Folgenden auf deren Gründung. Neben diesem bedeutsamen Beschluss war das herausragendste Ereignis in Salzburg Freuds Vorstellung des Falles “Rattenmann”, der so viel Interesse hervorrief, dass Freud seine Analyse auf über vier Stunden ausdehnte. Der nächste Kongress wurde im März 1910 in Nürnberg abgehalten, und bei diesem Kongress kam es nun zur tatsächlichen Gründung der Internationalen Vereinigung. Freud hatte Ferenczi lediglich kurze Zeit vor dem Salzburger Kongress kennengelernt, offenbar vertiefte sich ihre Freundschaft jedoch schnell, sodass Freud Ferenczi nach dem Kongress in Salzburg darum bat, Vorschläge einzubringen, wie man die Analysten in einer Art Verbund enger zusammenbringen könnte. Dies tat Ferenczi in Nürnberg und insistierte darauf, dass Jung der Präsident der neuen Vereinigung und Zürich ihr Sitz sein sollte. Aus mehreren Gründen maß Freud diesen beiden Vorschlägen ebenfalls eine große Bedeutung zu. Erstens hatte er eine sehr hohe Meinung von Jung. Seit mindestens einem Jahr hatte er Jung als seinen geistigen Erben betrachtet, in dessen fähige Hände die Zukunft der Psychoanalytik vertrauensvoll gelegt werden konnte. Zudem empfand Freud es als sehr wichtig, dass die Psychoanalyse in der breiten Öffentlichkeit nicht mit Wien gleichgesetzt werden sollte, noch sollte sie als etwas spezifisch Jüdisches angesehen werden. Daher erschien Jung, ein Schweizer und Nichtjude, wie geschaffen für die Rolle des Vorsitzenden und wurde demzufolge auch zum ersten Präsidenten der IPV gewählt. Zürich wurde zum zentralen Sitz der Vereinigung, da die Stadt der Wohnort des Präsidenten war.


Während der ersten Jahre wurde die IPV von Jung geführt, Riklin agierte als Geschäftsführer. Im Juni 1911 trat Adler zusammen mit einigen anderen Mitgliedern aus der Wiener Gesellschaft aus und gründete seine eigene Organisation der Individualpsychologie. Stekel übernahm daraufhin die Verlegschaft des Zentralblatts. Freud war damit nicht zufrieden und so kehrte Stekel im Oktober 1912 der Wiener Gesellschaft ebenfalls den Rücken zu.


In Weimar hatte unterdessen im Jahr 1911 der dritte Kongress stattgefunden. Zu dieser Zeit wurde von 106 Mitgliedern der IPV berichtet. Der Kongress akzeptierte die beiden neu gegründeten amerikanischen Gesellschaften – die New Yorker und die Amerikanische Psychoanalytische Vereinigung. Das Zentralblatt wurde zum offiziellen Presseorgan der IPV, wurde jedoch bald von der Internationalen Zeitschrift für Psychoanalyse abgelöst, die im Januar 1913 von Freud gegründet und von Ferenczi, Jones und Rank herausgegeben wurde. Diese Zeitschrift wurde bis 1941 veröffentlicht. Zusätzlich gab es seit 1912 Imago als ein Journal, das der angewandten Psychoanalyse gewidmet war. In Weimar wurde Jung in seiner Rolle als Präsident bestätigt und es wurde vereinbart, den nächsten Kongress im Jahr 1913 in München abzuhalten.


In der Zwischenzeit jedoch sollte sich die Beziehung zwischen Freud und Jung infolge ernsthafter Meinungsunterschiede, die sowohl wissenschaftlicher als auch persönlicher Natur waren, verschlechtern. Anfang 1913 beendeten sie so ihren persönlichen Kontakt in gegenseitigem Einvernehmen. Dennoch führte Jung seine IPV-Präsidentschaft fort und trat auch bei dem Münchner Kongress im September 1913 zur Wiederwahl an. Es wurde viel Unzufriedenheit darüber geäußert, sodass Abraham vorschlug, dass diejenigen, die dies ablehnten, sich bei der Wahl des Präsidenten ihrer Stimme enthalten sollten, und tatsächlich enthielten sich 22 von 52 Anwesenden ihrer Stimme. Bald nach der Wahl erkannte Jung jedoch, dass seine Präsidentschaft so nicht haltbar war und trat im April 1914 zurück. Im Juli trat auch die Züricher Gesellschaft aus der IPV aus, womit die letzte Verbindung zwischen Jung und der Psychoanalyse gekappt war.


Freud schlug Abraham als Interimspräsidenten bis zum nächsten Kongress, der im September 1914 stattfinden sollte, vor. Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges im August führte jedoch zur Absage des Kongresses und bis zum September 1918 in Budapest fand auch kein anderer Kongress statt. In Budapest kamen schließlich fast alle Teilnehmer aus Österreich oder Ungarn, des Weiteren drei aus Deutschland, zwei aus Holland und einer aus Polen, sodass man diesen Kongress nicht unbedingt als international bezeichnnen konnte. Ferenczi wurde zum Präsidenten gewählt, allerdings sah er sich aufgrund der chaotischen Zustände, die nach der Kriegsniederlage sowohl in Ungarn als auch in Österreich herrschten, nicht in der Lage, sein Amt auszuüben. Daher bat er Jones, es vorübergehend zu übernehmen, was dieser auch tat.


Der Erste Weltkrieg bescherte den Aktivitäten der IPV eine ungeplante Auszeit. Der Zweck, zu dem die IPV gegründet wurde, war die Bildung eines Verbunds von Psychoanalysten aus verschiedenen Ländern. Der Zusammenhalt sollte durch die Organisation von internationalen Kongressen zur Förderung von wissenschaftlichem Austausch, durch die Veröffentlichung eines Bulletins in der einen oder anderen Form, in dem über die Aktivitäten der einzelnen Gesellschaften informiert werden konnte, und durch die Gründung von wissenschaftlicher Journals, von denen sich letztendlich zwei herauskristallisierten (namentlich die Internationale Zeitschrift und Imago), erreicht werden.


1912, als Adler und Stekel bereits formell ausgetreten waren und sich Jungs Abgang aus der Organisation klar abzeichnete, gründete Jones mit Kollegen, denen er insofern vollständig vertraute, als dass sie Freud und den wichtigsten Dogmen der Psychoanalyse treu bleiben würden, ein Geheimkomitee. Es bestand ursprünglich aus Jones, der als Vorsitzender agierte, sowie Ferenczi, Rank, Sachs und Abraham. 1919 stieß noch Eitingon dazu. Jedes Komiteemitglied verpflichtete sich dazu, sich öffentlich nicht von den fundamentalen Grundsätzen der psychoanalytischen Theorie zu distanzieren, bevor er seine Ansichten mit den anderen Mitgliedern diskutiert hatte. Damit gab es nun eine viel akzeptablere Form der Absicherung als damals auf dem Nürnberger Kongress von Ferenczi empfohlen. Sie würde auf die “alte Garde” - in Gestalt des Komitees - begrenzt sein und sich in ihren eigenen Händen befinden anstatt in denjenigen des IPV-Präsidenten. Da damit im Jahr 1912 Jung gemeint war, dessen Austritt aus der Psychoanalyse bereits absehbar war, kam es zu einem Bruch zwischen dem geheimen Komitee und den offiziellen Aktivitäten der IPV unter Jungs Leitung. Jones erzählte zu einem späteren Zeitpunkt, dass das Komitee zehn Jahre lang zufriedenstellend funktionierte. Es war nicht nur bedeutsam, da es während dieser Periode Einheit förderte, sondern vermutlich auch um in der IPV eine Tradition zu erschaffen, die als Oligarchie (oder sollte man sie vielmehr als Meritokratie bezeichnen?) beschrieben werden kann.


In den 1920er Jahren schließlich entstanden über einen Zeitraum von mehreren Jahren hinweg ernsthafte Probleme zwischen Rank und den anderen Komiteemitgliedern, sodass er das Komitee verließ. 1925 wurde Ranks Platz von Anna Freud eingenommen.


Dennoch kam es 1927 zur endgültigen Auflösung des Komitees.


Nach dem Ende des Krieges wurde im Jahr 1920 ein Kongress in Den Haag abgehalten. Er war internationaler als der Budapester Kongress von 1918 und brachte Kollegen, die durch den Krieg zwangsläufig getrennt worden waren, erneut zusammen. An dem Kongress nahmen 62 Mitglieder teil, die britische und die schweizerische Gesellschaft wurden formell zugelassen und Jones wurde zum Präsidenten gewählt.


Im Januar 1919 wurde mit dem Internationalen Psychoanalytischen Verlag ein eigenständiger Verlag von Freud gegründet, um Unabhängigkeit für psychoanalytische Veröffentlichungen zu erlangen. Der Budapester Unternehmer von Freund hatte dem Verlag eine erhebliche Geldsumme versprochen, unglücklicherweise verstarb er im Januar 1920. Als Folge daraus entstanden unüberwindbare Schwierigkeiten und der Großteil des zugesagten Geldes stand somit niemals zur Verfügung. Rank steckte jedoch viel Arbeit in den Verlag und Jones war ebenfalls sehr aktiv, insbesondere in Bezug auf Veröffentlichungen in England. Letztendlich gründete er die International Psychoanalytic Library und das International Journal of Psycho-Analysis, dessen erste Ausgabe 1920 erschien.


Der siebte Kongress wurde 1922 in Berlin abgehalten und man kam dort zur Übereinkunft, die Kongresse jedes zweite Jahr abzuhalten. Jones wurde als Präsident wiedergewählt und Abraham zum Geschäftsführer bestellt, was allerdings einen Bruch mit dem bisherigen Vorgehen darstellte, nachdem der Geschäftsführer zur gleichen Gesellschaft wie der Präsident gehören sollte.


Der nächste Kongress fand 1924 statt – wie schon der erste Kongress wurde er in Salzburg abgehalten. Es wird von 263 anwesenden IPV-Mitgliedern berichtet, was sehr im Kontrast zu 22 Anwesenden beim ersten Kongress stand. Der darauffolgende Kongress in Bad Homburg, dem Abraham präsidierte, war von besonderer Bedeutung. Im Vorfeld war eine Konferenz veranstaltet worden, um über die Ausbildung und den Vorschlag, zur Förderung einheitlicher Standards eine internationale Ausbildungssorganisation zu gründen, zu diskutieren. Zu ihr waren Vertreter der verschiedenen Gesellschaften eingeladen gewesen, Ferenczi agierte als Vorsitzender. Auf dem Kongress stellte Eitingon nun einige wichtige Grundsätze vor, auf die man sich geeinigt hatte. So sollte die Ausbildung nicht der privaten Initiative von Einzelpersonen überlassen werden, stattdessen sollten die verschiedenen Längerorganisationen Ausbildungsinstitute bereitstellen. Die Ausbildungsverordnungen in diesen Instituten sollten von der IPV autoritativ vorgegeben werden, das Training sollte eine Lehranalyse und die Analyse von Patienten unter Supervision beinhalten. Jeder, der Psychoanalyse praktizieren wollte, musste nun seine Ausbildung beendet haben, bevor er Mitglied der IPV werden konnte. Es wurde sich darauf geeinigt, dass jede Teilgesellschaft ein Ausbildungskomitee von bis zu sieben Mitgliedern gewählt haben musste. Diese Komitees sollten zusammen das Internationale Ausbildungsgremium bilden, das später in Internationales Ausbildungskomitee umbenannt wurde (kurz ITC für International Training Comitee). Dieser Vorstand sollte das zentrale Organ der IPV für alle Fragen bezüglich der psychoanalytischen Ausbildung sein. Der erste gewählte Präsident des Ausbildungsgremiums war Eitingon.


Laut Jones wurde bei dem Kongress ersichtlich, dass sich ernsthafte Schwierigkeiten zwischen den Amerikanern und Europäern bezüglich der Laienanalyse (also der nicht-medizinischen Analyse) abzeichneten. Sowohl Freud als auch Ferenczi traten dafür ein, dass Ausbildungskandidaten dazu angehalten werden sollten, keine medizinische Ausbildung zu durchlaufen, während die Amerikaner darauf bestanden, dass aufgrund der weitverbreiteten Scharlatanerie in Amerika ein Abschluss in Medizin zumindest bei ihnen zwingend vorgeschrieben werden müsste. Jones und Eitingon nahmen eine mittlere Position zwischen den verschiedenen Standpunkten ein – es sollte zu einer medizinischen Ausbildung ermutigt werden, sie sollte aber nicht obgliatorisch sein. Der Kongress einigte sich schließlich auf eine Resolution, welche das ITC anwies, einen Plan für die Bedingungen zur Ausbildungszulassung zu erstellen und bestimmte, dass keine weiteren Maßnahmen ergriffen werden würden bevor ein Plan erstellt worden sei. Das Komitee, das Eitingon dafür wählte, bestand ausschließlich aus Berliner Mitgliedern, und seine Beschlüsse missfielen vielen Teilgesellschaften. Daher wurde beim nächsten Kongress ein neues, wahrlich internationales Komitee gebildet, dem Jones vorstand. Dessen Endbericht wurde 1932 auf dem Wiesbadener Kongress einstimmig angenommen: Er empfahl, die Auswahl der Kandidaten (einschließlich der Laien-Kandidaten) dem Ermessen der einzelnen Gesellschaften zu überlassen.


1925 wurde Abraham in Bad Homburg in seinem Amt als IPV-Präsident bestätigt. Als er jedoch einige Monate nach dem Kongress starb, übernahm Eitingon Abrahams Position, während Anna Freud Letzteren als Geschäftsführerin ersetzte.


1927 in Innsbruck wurde Eitingon auch formal zum Präsidenten gewählt. Das Komitee beendete seine Existenz als Geheimorganisation, sein Platz wurde von den Führungskräften der Vereinigung eingenommen, namentlich dem Präsidenten, den zwei Vize-Präsidenten, dem Geschäftsführer und dem Schatzmeister – einer Körperschaft also, die oft als zentrales Exekutivorgan bezeichnet wird. 1929 fand der Kongress mit Oxford erstmals außerhalb Kontinentaleuropas statt. Eitingon stellte fest, dass die Vereinigung nur sehr langsam wüchse, was seiner Vermutung nach daran lag, dass darauf insistiert wurde, die Mitglieder zu analysieren. Eitingon wurde in seinem Präsidentenamt bestätigt und dies erneut drei Jahre später in Wiesbaden. Die Verschiebung des Kongresses von 1931 auf 1932 war der innenpolitischen Lage in Deutschland geschuldet, da es dort ernsthafte wirtschaftliche Probleme gab. 1932 berichtete Eitingon, dass es nun sieben Ausbildungsinstitute gäbe und dass die neueren unter ihnen den Ausbildungsmethoden in Berlin, Wien und London folgten.


Die vom neuen Ausbildungsunterkomitee unterbreiteten Vorschläge bestätigten, dass die Ausbildungskomitees die alleinigen Autoritäten in Fragen der Trainingszulassung und für die Ausbildung selbst seien. Die Regeln bezüglich der Auswahl der Laienkandidaten wurden weiterhin den einzelnen Ausbildungskomiteen überlassen, und es sollte in den Regelwerken gewisse Freiheiten gewährt werden, um Ausnahmen zu gestatten. Niemand dürfe sich als ausgebildeter Psychoanalyst ausweisen bevor seine Ausbildung zur Zufriedenheit des Ausbildungskomitees beendet wäre. Laienkandidaten müssen zusagen, sich niemals in beratender Funktion zu betätigen, zudem bliebe der den Patienten überweisende Berater rechtlich in der Verantwortung. Die Ausbildung müsse mindestens drei Jahre dauern und zwei Jahre theoretische Schulung sowie eine Trainingsanalyse von einem zugelassenen Analysten beinhalten, zudem zwei “kontrollierte” (supervisierte) Analysen mindestens einmal pro Jahr. Außeranalytische Studien in verwandten Themengebieten sollen gefördert werden. Laienanalysten müssen in klinischer Psychiatrie und Physiologie ausgebildet sein sowie Erfahrung darin gesammelt haben. Mediziner müssen erste Berufserfahrung in Medizin, Neurologie und Psychiatrie haben. Für den Fall, dass sich Kandidaten aus anderen Ländern bewerben, müsse die Genehmigung des Ausbildungskomitees des Heimatlandes eingeholt werden. Somit ist ersichtlich, dass der Großteil unserer heutigen Regeln bereits vor mehr als fünfzig Jahren erstellt wurde.


Es wurde berichtet, dass in den USA merkliche Fortschritte festgestellt werden konnten, und dass einige führende europäische Analysten gebeten worden waren, dort im Bereich der Ausbildung zu helfen. Der Kongress genehmigte die Neuorganisation der APA zu einer Föderation der Amerikanischen Gesellschaften, die als Exekutivorgan agieren und die Arbeit der Teilgesellschaften sowohl organisieren als auch überwachen würde. Nur auf Empfehlung der APA würde jegliche weitere amerikanische Teilgesellschaft zur IPV zugelassen werden. Die APA hörte auf, eine Teilgesellschaft zu sein, ihr Präsident bekam jedoch als dritter IPV-Präsident einen Sitz in der Zentralexekutive der IPV.


Jones wurde zum Präsidenten der IPV gewählt (den Posten würde er die nächsten fünf Jahre innehaben), während Eitingon weiterhin dem ITC vorstand. Der dreizehnte Kongress wurde 1934 in einer Hommage an den kürzlich verstorbenen IPV-Gründer Ferenczi in Luzern abgehalten. Der Kongress stellte fest, dass die Neuorganisation der APA nicht abgeschlossen worden war und hoffte darauf, dass ihre Satzung schnell aufgesetzt und der Zentralexekutive vorgelegt werden würde. Tatsächlich geschah dies beim nächsten Kongress, der 1936 in Marienbad stattfand, und die amerikanische Satzung wurde genehmigt und ratifiziert. Es wurde festgelegt, dass bei jeder Kongressresolution, die speziell Amerika betraf, von der APA ein Veto eingelegt werden konnte. Somit bekam Amerika eine Sonderstellung und bemerkenswerte Autonomie zugewiesen.


Der letzte Kongress vor Kriegsausbruch wurde 1938 in Paris abgehalten. Jones verkündete die Auflösung der Wiener Gesellschaft infolge der Annektion von Österreich durch die Nationalsozialisten. Lediglich ein halbes Dutzend Mitglieder verblieb dort. Er berichtete ebenfalls, dass die APA in letzter Minute vorschlug, die IPV solle aufhören als Verwaltungs- und Exekutivorgan zu arbeiten und stattdessen in einen Kongress für wissenschaftliche Zwecke übergehen. Jones' Vorschlag, ein Komitee zur Beratung mit der Exekutive der APA zu gründen, wurde angenommen. Trotz einer Zusammenkunft des europäischen Komitees kam es jedoch aufgrund des Ausbruchs des Zweiten Weltkrieges nie zu einem Treffen mit den Amerikanern.


Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs trafen sich einige führende amerikanische Analysten und einige Mitglieder der Britischen Gesellschaft in Maresfield Gardens (London). Da Jones (mit Unterstützung von Glover und später Anna Freud) die IPV seit 1938 geführt hatte, sah er sich persönlich von den Amerikanern angegriffen. Letztendlich gelang es ihm, sie zu überzeugen, dass er nicht die Reinkarnation von König Georg III. sei. Zu einem späteren Zeitpunkt, als der Krieg vorüber war, kam es zu einem offizielleren Treffen im Savoy Hotel, von dem Jones auf dem folgenden Kongress berichtete. Bei dieser Zusammenkunft im Jahr 1948 waren sieben Vertreter aus Amerika und sechs aus London zugegen. Man einigte sich darauf, dass in der Satzung der IPV einige Änderungen vorgenommen werden würden. Das ITC, das praktisch nicht mehr bestand, fand nun keinerlei Erwähnung mehr. Ein Gentleman's Agreement wurde getroffen, demnach die Präsidentschaft zwischen Amerika und Europa alternieren sollte – verankert in der Satzung wurde dies jedoch nicht. Infolgedessen wurde mit Leo Bartemeier ein amerikanischer Präsident gewählt, als Jones sein Amt nach 15 Jahren niederlegte. Jones selbst wurde zum ständigen Ehrenpräsidenten ernannt. Dies geschah auf dem ersten Nachkriegskongress, der 1949 in Zürich stattfand und auch der erste Kongress nach dem Tod Freuds im Jahr 1939 war.


1956 jährte sich Freuds Geburtstag zum hundertsten Mal, was weithin auf vielfältige Weise gefeiert wurde, unter anderem in einer Vortragsreihe von Jones. Auf dem Pariser Kongress wurde speziell für die APsaA eine neue Organisationskategorie erschaffen. Eine Regionale Vereinigung sollte nunmehr in allen Ausbildungsfragen lokale Autonomie besitzen. Die amerikanischen Gesellschaften wurden der APA angegliedert, aber nur amerikanische Analysten, die tatsächlich Mitglieder der APA waren, erhielten auch die Mitgliedschaft der IPV. Somit erschienen die Probleme, welche die Beziehung zwischen Europa und Amerika über Jahre hinweg belastet hatten, zur Zufriedenheit aller behoben zu sein.


Der Kopenhagener Kongress im Jahr 1959 war schließlich der erste Kongress seit 1910, dem Ernest Jones nicht beiwohnte, da er 1958 gestorben war.


1951 richtete der Staat New York das Sigmund-Freund-Archiv ein, Kurt Eissler übernahm die Leitung des Archivs. Ziel war es, jegliches Material zu sammeln, das in Beziehung zur Biographie Freuds und seinen wissenschaftlichen Interessen stand. Über viele Jahre hinweg erstatteten Eissler oder auch sein Stellvertreter dem Kongress Bericht über das Archiv; oft konnten sie äußerst wichtige Stiftungen von Briefen und anderem Material zu Protokoll geben.


1967 auf dem Kopenhagener Kongress konnte die Vollendung der Standardausgabe von Freuds Psychologischen Arbeiten vermeldet werden.


1971 schließlich fand der Kongress in Wien statt. Es war das erste Mal, dass ein Kongress am Geburtsort der Psychoanalyse abgehalten wurde, und ebenso das erste Mal seit 1938, seitdem Anna Freud Wien besuchte. Der Präsident Leo Rangell nahm dies zum Anlass eines Empfangs für sie.


Auf dem Pariser Kongress im Jahr 1973 gab es eine intensive und lange Debatte über den Ritvo-Bericht. In diesem ging es um die Ausbildung im Bereich der Kinderanalyse und den Status in der IPV für diejenigen, die ein derartiges Training durchlaufen hatten, jedoch keine vollständige Ausbildung in der Erwachsenenanalyse vorweisen konnten. Am Ende wurde der Bericht von dem Kongress abgelehnt, womit sich der Status Quo nicht änderte und damit nur diejenigen, die zufriedenstellend in der Analyse von Erwachsenen ausgebildet waren, Anspruch auf eine IPV-Mitgliedschaft hatten. Anna Freud wurde zur Ehrenpräsidentin gewählt und ersetzte damit Heinz Hartmann, der 1970 gestorben war. Frau Freud blieb bis zu ihrem Tod im Jahr 1982 Ehrenpräsidentin.


1979 hielt die IPV in New York ihren ersten transatlantischen Kongress ab. Die Mitgliederzahl der IPV belief sich nun auf circa 5000 Mitglieder und befand sich weiterhin im Anstieg. Des Weiteren wurde berichtet, dass in Jerusalem das Sigmund Freud Centre for Psychoanalytic Studies and Research mit einem eigenen Lehrstuhl an der dortigen Hebräischen Universität eingerichtet worden war. Ein weiterer Kongressprogrammpunkt war ein Bericht über die Sigmund Freud Gesellschaft in Wien mit Sitz in der Berggasse 19. Die Gesellschaft war seit ihrer Gründung im Jahr 1968 aktiv gewesen und hatte in der Zwischenzeit eine eigene Bibliothek sowie ein Archiv aufgebaut, gab ein Bulletin heraus und beherbergte ein Museum. Offiziell wurde die Sigmund Freud Gesellschaft auf dem Wiener Kongress 1971 eröffnet.


Seit den 1980er Jahren war Lateinamerika als dritte Verwaltungsregion der IPV hinzugekommen, der erste Kongress auf südamerikanischem Boden fand schließlich 1991 in Buenos Aires statt. Die alternierende Präsidentschaft schloss von nun an auch diese dritte Region mit ein, sodass mit Horacio Etchegoyen von 1993 bis 1997 der erste Lateinamerikaner im Präsidentenamt war.


Es kann wohl behauptet werden, dass eines der Hauptgeschäftsfelder der IPV die Abhaltung von Kongressen darstellt, und dass in ihrer Entwicklung mehrere ihrer Präsidenten eine wichtige Rolle gespielt haben. Einen entscheidenden Beitrag für die Arbeit der IPV haben jedoch auch andere geleistet, namentlich die Geschäftsführer und Schatzmeister, und über die letzten drei Jahrzehnte hinweg die Geschäftsstelle.


Die Vereinigung hat über die Jahre nicht nur ihre Mitgliederanzahl stetig vergrößert – Ende 2009 belief diese sich auf über 12000 Mitglieder -, sondern wurde auch zwischen den Kongressen immer aktiver, insbesondere indem sie weltweit neuen Gruppierungen Hilfestellung und Rat gab. Nach dem Fall der Berliner Mauer wuchs die Zusammenarbeit zwischen der IPV und der Europäischen Psychoanalytischen Föderation im Bereich der Entwicklung neuer Gesellschaften und Studiengruppen in postkommunistischen Ländern, welche schließlich zur Gründung des Psychoanalytischen Instituts für Osteuropa führte.1997 wurde das IPV-Komitee für die Vereinten Nationen gegründet und 1998 erhielt die IPV den Beraterstatus beim Wirtschafts- und Sozialrat der Vereinten Nationen (ECOSOC).
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Im Jahr 1910 entstanden, ist die IPV nun voll ausgereift und internationaler als je zuvor. 2010 wurde die erste psychoanalytische Konferenz in China abgehalten, welche die Entwicklung und den Wandel der Psychoanalyse in einem asiatischen Kontext behandelte. 2010 war für die IPV zudem ein wichtiges Jahr, da ihr hundertjähriges Bestehen gefeiert wurde. Weltweit fanden zahlreiche Veranstaltungen mit dem Fokus auf hundert Jahre Psychoanalyse sowie die Herausforderungen für die kommenden hundert Jahre statt. Des Weiteren wurde ein Buch herausgegeben, das die Geschichte der IPV umreißt und sowohl der psychoanalytischen Gemeinschaft als auch allen Interessierten zugänglich ist. Für weitere Details können Sie gerne unsere Pressesprecherin Rhoda Bawdekar unter rhoda@ipa.org.uk kontaktieren.


Nach einem Artikel von William H. Gillespie, 1982.



Hauptquellen:
• Ernest Jones: Sigmund Freud, Life And Work
• Ernest Jones: Free Associations, Zeitschrift für Psychoanalyse
• International Journal of Psycho-Analysis