Über den Kongress

Dem Schmerz begegnen: Klinische Erfahrung und die Entwicklung psychoanalytischer Erkenntnis



Zum Thema des Kongresses hat das Programmkomitee die tiefe emotionale Verbindung zwischen Patient und Analytiker gewählt, wobei der Schwerpunkt auf dem Schmerz liegen soll, wie ihn unsere Patienten an sich selbst und wir Analytiker ihn an den Patienten erleben.

 

Eine der vornehmsten Aufgaben der psychoanalytischen Begegnung ist es, seelischen und seelisch ‘induzierten’ körperlichen Schmerz so zu transformieren, dass dieser ausgedrückt und von einem Anderen mit Empathie sowie mit mentalen Repräsentationen an- und aufgenommen werden kann, die geeignet sind, den Schmerz in einer Weise aufzufangen, dass die Erfahrung des Einsamseins in ihm schrittweise in das Erleben von Gemeinschaft im Leiden und schließlich in die Aussicht auf seelisches Wachstum überführt wird. Auf dieser Beschreibungsebene konvergieren möglicherweise die unterschiedlichen Schulen und behandlungstechnischen Ansätze.

 

Der seelische Schmerz steht allerdings in einem sozialen und kulturellen Kontext, der häufig die Hauptursache des individuellen Leidens ist. Wir müssen daher unser Augenmerk auch auf diesen größeren Zusammenhang richten und sowohl die gesellschaftlichen Bedingungen, die Leid verursachen, als auch die notwendigen Bedingungen unserer Arbeit im Behandlungszimmer in den Blick nehmen. Aus traumatisierten Gesellschaften wissen wir beispielsweise, dass das gesellschaftliche Beschweigen massiver Traumata es dem Einzelnen wie der Gruppe erschwert, die für die Bewältigung notwendige Anerkennung ihres Leidens zu erfahren.

 

Es war daher unser Wunsch, das Kongressthema in diese Doppelperspektive zu stellen, d.h. sowohl nach außen in die Gesellschaft und das kulturelle Umfeld als auch nach innen in die Psyche und die Manifestation von Schmerz in der Behandlung zu schauen. Während der klinische Aspekt im Vordergrund steht, sehen wir uns als Psychoanalytiker auch in der Pflicht, die Ursachen von Schmerz näher zu beleuchten.

 

Der Kongress wird dazu wichtige und, wie wir hoffen, anregende Beiträge aus der aktuellen Forschung bringen. Wie unser Präsident Charles Hanly meinen aber auch wir, dass persönliche Begegnungen und Gespräche mit Kollegen ebenso bedeutsam für den Erkenntnisfortschritt und für unsere eigene Entwicklung sind wie Vorträge. Deshalb wird es auf dem Vor- ebenso wie auf dem Hauptkongress selbst mit Arbeitsgruppen und den Arbeitskreisen über klinische und konzeptuelle Fragen mehrere Gelegenheiten zur Debatte in kleiner Runde geben.

 

Für die Bearbeitung der Kongressthemen ist Prag ein außerordentlich geeigneter Ort. Die Stadt blickt auf eine bewegte Geschichte zurück und hat künstlerische Leistungen hervorgebracht, die nicht nur geradezu das Fundament der europäischen Kultur in all ihren Erscheinungsformen (Literatur, Musik, Theater usw.) bilden, sondern zudem wesentlich für die Entstehung der Psychoanalyse waren. Das lokale Vorbereitungskomitee setzt viele Hebel in Bewegung, um uns an Ort und Stelle wertvolle Einsichten und Eindrücke vermitteln zu können.

 

Dass Prag und mit ihm ganz Mitteleuropa zugleich Schauplatz menschlich verursachten Leidens von unvorstellbarem Ausmaß gewesen ist, erinnert uns an die Notwendigkeit, äußere Faktoren und historische Umstände in unsere Arbeit einzubeziehen: Wenn wir uns an diesem besonderen europäischen Ort versammeln, kommen wir an Theresienstadt (Terezín) nicht vorbei.

 

Schmerz und Leid sind schwer zu teilen. Die Psychoanalyse ist vielleicht die einzige Disziplin von Rang, die ein solches Teilen ermöglicht und dadurch den Schmerz des Einzelnen, von Gruppen und ganzen Gesellschaften lindern kann. Wir heißen Sie willkommen in Prag – einer Stadt von immenser historischer Bedeutung und nicht zuletzt von unvergleichlicher Selbsterneuerungs- und Schöpferkraft.